Was ist der Weg?

— von Christopher Curtis Sensei (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Guten Morgen, guten Abend, allerseits. Onegaishimasu. 

Lasst mich vorlesen: „Den Weg des Universums lehren“.

„Es gibt keine selbstsüchtige Person, die den Weg des Universums lebt. Wenn du zu den Prinzipien und dem Weg des Universums erwachst, wird dir vom Universum die Verantwortung gegeben, diese in der Welt zu teilen. Sage nicht, dass du nicht die Kraft hast, den Menschen zu helfen. Schon wenn du einen Tag diese Erfahrung machst, bist du bereits ein Lehrer für diese Erfahrung. Die Welt ist voll von Menschen, die verloren sind und an einem ungesunden Geist leiden. Lasst uns dieses Erwachen von ganzem Herzen mit anderen teilen.“

So, heute Morgen möchte ich noch etwas über diesen Weg des Universums sagen. Der Lehrer kommt nicht mit einem großen Haufen von Informationen. Deshalb ist es nicht die Aufgabe der Schüler, diese Informationen aus dem Lehrer herauszuquetschen. Nein, ganz und gar nicht. Eigentlich zeigt der Lehrer den Weg, dem Universum zu folgen. Der Weg, dem Weg des Universums zu folgen, ist nicht wie eine Formel, wisst ihr. Der Wahre Dharma, oder wie auch immer wir die Lehre nennen, der wir folgen, ist nicht irgendwo niedergeschrieben. Versteht ihr das? Es ist nicht wie eine Landkarte. Es ist keine Geschichte. Es ist keine Formel, der wir einfach folgen, um zu wissen, was der Weg des Universums ist, und um ihm zu folgen.

Das ist es, was ich damit meine, dass der Lehrer nicht einen Haufen von Informationen weitergibt. Das ist nicht seine oder ihre Aufgabe. Der Weg selbst ist der Weg, den unser Leben bereits vor unseren Augen entfaltet, und diesem Weg zu folgen, selbstlos, ohne Ansprüche an ihn zu stellen, ohne zu versuchen, ihn zu verändern, ohne zu versuchen, ihn zu beeinflussen und zu manipulieren, ist unsere Praxis. Das ist das Folgen des Weges des Universums. Und niemand kann sagen, welchen Weg wir gehen werden. Es gibt eine unendliche Anzahl von Wegen auf den Berg. Natürlich kann niemand sagen: „Mein Weg ist der Weg“, denn der Weg eines jeden ist einzigartig.

Es ist ein Weg den Berg hinauf, auf dem wir uns bewegen. Und wir folgen dem Weg, wandern den Hang hinauf. Ab und zu erhaschen wir vielleicht einen flüchtigen Blick auf den Gipfel. Aber wir wissen in der Regel nicht, wie weit wir noch gehen müssen, um den Gipfel zu erreichen. Es geht nicht um eine Belohnung, irgendwo anzukommen. Das Leben besteht darin, dem Weg zu folgen.

Eine wichtige Sache dabei ist, dass es sich vielleicht so anhört, als würde ich sagen, dass dies „dein“ Weg ist. Nun, das ist er, in dem Sinne, dass er einzigartig für dich ist. Aber das bedeutet nicht, dass du einfach tun kannst, was du willst. Es bedeutet nicht, dass man sich einfach sagen kann: „Oh, das ist mein Weg. Also kann ich einfach tun, was ich will.“ Nein, so ist es ganz und gar nicht. Es gibt einen höheren Teil in uns, der uns den richtigen Weg weist, und dieser Teil ist so viel größer, weiser und geschickter als unser eigener kleiner Verstand. Wir müssen also nur unseren kleinen Verstand trainieren, um wie ein Otomo zu sein, und der Weg ist der Sensei, also folgen wir einfach dem Sensei.

Wir folgen dem Weg, wenn wir bei einem Lehrer lernen, das ist nur eine Art von Metapher. Also, ich habe jetzt vielleicht keine einzelne Person, die mein Lehrer ist. Aber der Weg ist mein Lehrer. Und das ist eigentlich das Gleiche, was auch für jeden von euch gilt, wenn ihr das bemerkt. Wir haben diese Unterrichtsstunden, damit ich eure Bemühungen unterstützen kann. Denn es gibt Dinge in jedem unserer Leben, die uns daran hindern, klar auf den Weg zuzugreifen, klar zu erkennen, wie sich der Weg für uns entfaltet. Und so ist es die Aufgabe des Lehrers, uns zu helfen, diese Dinge, die uns im Weg stehen, in etwas Nützliches zu verwandeln. Die Aufgabe der Schüler ist es, diese Unterstützung anzunehmen und ihr zu folgen. Und so eine immer klarere Vorstellung davon zu entwickeln, was dieser Weg ist, dem wir alle jeden Tag folgen.

Die wahrscheinlich wichtigsten Übungen, die wir machen, sind Ki-Atmung, Ki-Meditation und Geist-Körper-Meditation. Diese Praktiken schärfen unseren Geist und entwickeln eine immer stärkere Fähigkeit, in der Aufmerksamkeit zu sein. Wenn wir in der Aufmerksamkeit sind, sind wir in der Lage, dem Weg am deutlichsten zu folgen.

Beginnen wir mit etwas Ki-Atmung.

Ki-Atmung (20 Minuten)

Ki-Meditation (12 Minuten)

Geist-Körper-Meditation (13 Minuten)

⎡Ihr habt vielleicht bemerkt, dass ich den Namen „Ganzkörper-Meditation“ in „Geist-Körper-Meditation“ geändert habe. Dies geschah aus zwei Gründen. Erstens scheint der Name „Ganzkörper-Meditation“ oft mit „Ganzkörper-Atmung“ verwechselt zu werden, der ersten Stufe von Tohei Sensei’s Ki no Kokyu ho, Ki-Atmung. Zweitens denke ich, dass der Name „Geist Körper Meditation“ diese eigentliche Praxis besser wiedergibt.⎦

In unserer Praxis haben wir viele spezifische Übungsmethoden, sowie Prinzipien, die beschreiben, wie man diese angeht. Zum Beispiel die „Fünf Prinzipien des Shinshin Toitsu Aikido“, die, wie ihr wisst, sind: 1) Dehne Ki aus, 2) Respektiere das Ki deines Partners, 3) Kenne den Geist deines Partners, 4) Versetze dich in die Lage deines Partners, und 5) Folge und führe deinen Partner mit Vertrauen. Diese fünf sind eine Art Leitfaden, und deshalb müssen wir sehr, sehr flexibel sein in der Art und Weise, wie wir sie anwenden, denn nichts wiederholt sich jemals als das Gleiche. Alles ist in jedem Moment einzigartig und originell. Wir wissen also nie, wohin wir geführt werden. Diesem Weg des Universums folgend, wissen wir nicht, was passieren oder sich uns eröffnen wird. Das Leben folgt also keinen Prinzipien. Die Prinzipien sind nur dazu da, uns zu helfen, zu verstehen, wie wir uns dem Weg des Universums nähern sollen und wie wir uns dem Weg des Universums nicht nähern sollen.

Okay, vielleicht möchtet ihr etwas sagen oder eine Frage stellen über Ihre Erfahrung, dem Weg des Universums zu folgen. Christel, würdest du bitte etwas mit uns teilen?

Schülerin: Oh, hallo, Sensei. Während dieser Zeit scheine ich viele Hindernisse zu haben, ich übe, dem Weg des Universums zu folgen, kämpfe mit der Akzeptanz und mache diese Meditation. Ich habe das Gefühl, dass ich akzeptieren muss, wie sich das Universum entwickelt. Und manchmal habe ich das Gefühl, dass ich eine Meditation mache, die hell oder stark oder weit ist. Ich weiß nicht, ob das englische Wort richtig ist. Als ob die Welle im Ozean breiter wird. Und manchmal bekomme ich einen Einblick, aber im Moment habe ich viele Hindernisse zu akzeptieren. Und ja, in meinem Privatleben, denke ich, habe ich viele Hindernisse und Herausforderungen. So ist das.

Vielen Dank! Wir alle haben Vorlieben. Wir alle ziehen es vor, uns sehr wohl zu fühlen, und von den Menschen und Umständen in unserem Privatleben dazu gebracht zu werden, uns sehr wohl zu fühlen. Aber das ist natürlich nicht der Weg des Universums. Das ist der Weg unserer kleingeistigen Vorlieben. Es ist natürlich nichts falsch daran, Vorlieben zu haben. Aber ich denke ich hätte etwas dagegen sie „Hindernisse“ zu nennen. Ja, wir können sie zu Hindernissen machen, aber an und für sich sind sie keine Hindernisse. Alles ist da, um uns zu unterstützen. Es gibt nichts, was passiert, was nicht dazu da ist uns zu unterstützen. Es gibt nichts, was passiert, das bösartig ist, und auch nichts, das uns eigentlich scheitern lassen will. Es gibt nichts, das will, dass wir uns schlecht oder unbehaglich fühlen. So etwas gibt es im Universum nicht. Wir machen solche Dinge ganz allein.

Wir machen solche Dinge, wenn wir den relativen Zustand unserer Vorlieben nicht wirklich erkennen. Natürlich haben wir alle diese Herausforderung, die du beschreibst. Wir sind alle Menschen, also sind wir alle damit konfrontiert. Ich bin es, und auch jeder, den ihr jemals treffen werdet, egal wie großartig er ist, sogar der Buddha. Wir alle müssen uns mit denselben Dingen auseinandersetzen. Natürlich haben wir mit zunehmender Erfahrung mehr Gelegenheit, den Wert der relativen Konditionierungen zu erkennen, die unsere Vorlieben hervorbringen. Sie sind nicht falsch. Sie müssen nicht verworfen oder verdrängt werden, und wir müssen nicht dafür kritisiert werden, dass wir Vorlieben oder Nicht-Vorlieben haben, oder sogar dafür, dass wir etwas ignorieren. „Anziehung, Abneigung und Gleichgültigkeit.“ Das macht unser ganzes Leben aus. Deswegen, und nicht trotz dessen, folgen wir dem Weg.

Es ist wichtig zu erkennen, dass das Universum uns nicht im Weg steht. Weisst du, zu Beginn der heutigen Stunde habe ich gesagt, dass eine der Aufgaben des Lehrers darin besteht, uns zu helfen, die Dinge aus dem Weg zu räumen, die uns im Weg stehen. Das ist eine Art Standardformulierung, aber ich würde es viel lieber so sehen dass uns nichts im Weg steht. Und wenn es tatsächlich nichts gibt, was uns im Weg steht, dann kann es auch nichts geben, was uns hemmt, es sei denn, wir machen es dazu. Du bist also frei. Völlig frei, mit Freude weiterzumachen.

Student: Ja, aber ich greife manchmal auf die Green-Tara-Meditation zurück. Ich weiß nicht, ob du die kennst. Ich weiß, dass das ein „Zurückgehen zum alten Haus“ ist, zu etwas, das ich gewohnt bin. Ich bin noch unsicher, was Ki-Atmung und so weiter angeht. Also, ja. Aber es ist im Moment nicht einfach. Ich studiere alle Lehren von Dir. Ich habe zu viel Arbeit zu tun, um am Samstagmorgen in den Lektionen auf Zoom dabei zu sein. Ja. Also tue ich mein Bestes, Sensei.

Ich bin mir sicher, dass es im Moment genau das Richtige ist. Okay, ich danke dir.

Jemand anderes bitte?

Schüler: Hallo Sensei. Ich sehe, wie sehr es eine Gewohnheit ist, oder meine Natur, dass ich mich gegen Dinge wehren will, weil ich denke, dass die Dinge manchmal nicht so kommen, wie ich sie haben will, verstehst du? Manchmal möchte ich die Dynamik einer Situation verändern, um zu versuchen, die Dinge besser zu machen. Aber was auch immer es ist, es folgt nicht dem Weg des Universums. Ich sehe ein, wie du gesagt hast, dass wir nicht einfach tun können, was wir wollen, aber ich denke oder fühle definitiv manchmal, dass etwas nicht ganz richtig ist. Müssen wir dann nicht vielleicht etwas tun, um die Situation zu ändern, bevor sie noch schlimmer wird? Worauf verlassen wir uns als unseren Kompass oder unseren Maßstab? Einfach darauf die Dinge nicht zu manipulieren? Oder verlassen wir uns auf unseren gesunden Menschenverstand, unser eigenes Urteilsvermögen? Oder ist es manchmal dieses Urteilsvermögen, das uns überhaupt erst in diese Situation gebracht hat?

Weisst du, wir neigen dazu zu denken, dass wir es intellektuell besser wissen. Wir sehen, dass es einen Weg gibt, zu dem wir gelangen müssen, und dass wir Dinge tun, die uns daran hindern, zu diesem Weg zu gelangen. Wenn du sagst: „Ich folge dem Weg nicht“ oder „Ich benutze meine eigenen manipulativen Tricks, um die Dinge so zu machen, wie ich sie haben will“, würde ich sagen, wie ich schon bei Christel angedeutet habe, dass das nicht ganz so ist. Diese Art von Problem hast du letztlich nicht. Nun, du hast es, und du hast es nicht. Anstatt das als Problem zu sehen, warum siehst du es nicht einfach so, wie es ist? Was auch immer wir tun, der Weg entfaltet sich immer vor uns. Wenn wir versuchen, diesen Weg zu ändern, die Dinge in eine Richtung zu lenken, die uns gefällt, ist das Universum sehr entgegenkommend. Es ist unendlich flexibel, denn es ist nur für dich da. Es passt sich perfekt dem an, was du wählst. Es kann also gar nicht anders, als ein perfekter Spiegel für dich zu sein, egal wohin du wählst zu schauen. Das ist das „Spiegeluniversum“, von dem wir immer sprechen. Wenn du also versuchst, die Dinge zu manipulieren, kommt das Universum dem perfekt entgegen und zeigt dir weiterhin den Spiegel, denn das ist alles, was es tun kann. Das wird nun also der Weg. Du folgst also dem Weg, egal was passiert. Du hast keine Wahl, denn das ist alles, was in jedem Moment geschieht. Das Universum ist uns immer einen Schritt voraus.

Es mag sein, dass du das nicht immer bemerkst, weil du beschäftigt bist, und/oder nicht wirklich in Aufmerksamkeit bist. Wenn wir also nicht in Aufmerksamkeit dessen sind, sind wir uns nicht bewusst, was gerade passiert. Wir denken stattdessen vielleicht darüber nach, wie wir es gerne hätten, oder wie wir es nicht haben wollen, und versuchen dafür zu sorgen. Diese Manipulation ist unendlich fortwährend. Aber wie du jetzt sehen kannst, verändert sich das Universum auch ständig für uns. Es ist immer der Spiegel und reflektiert uns immer perfekt. Was immer wir sehen, verstehst du, das ist eine Reflexion dessen, wie wir uns weiterentwickeln. Manchmal geht es sehr, sehr langsam. Manchmal haben wir eine große Geschwindigkeit, und es kann ein großes Erwachen sein, es gibt ein großes Verständnis, das zu uns kommt, richtig? Und dann, zu anderen Zeiten, scheint es so dunkel und verwirrend und chaotisch. Aber in Wirklichkeit ist es immer dasselbe. Es sind nur wir, die es zu etwas anderem machen.

Deshalb lehre ich immer, dass das Bemerken so wichtig ist. Achtsamkeit. Selbst wenn wir mitten in einer kleinen Aktion sind. Das zu bemerken ist wirklich wichtig. Und wir würden es nicht bemerken, wenn es nicht geschehen würde. Wir würden nicht dazu erwachen. Ist das, was auftaucht, also schlecht oder ist es gut? Nun, es ist nicht entweder schlecht oder gut. Es ist einfach so, wie es ist. Das Universum ist nicht damit beschäftigt, etwas Schlechtes oder Gutes zu sein, es ist damit beschäftigt, etwas zu reflektieren. Die Dinge tauchen auf, wir müssen achtsam sein. Und dann fügen wir nach und nach Tropfen für Tropfen unserem Unterbewusstsein hinzu, von dem Plus. Bemerken ist immer plus. Achtsamkeit ist immer plus. Es ist nicht relativ gut und schlecht. Gewahrsein ist einfach das, was wir „plus“ nennen. Mit anderen Worten, es ist ein Stück Erwachen, ein bisschen Bemerken, ein bisschen Verstehen, das ins Unterbewusstsein geht. Nun, das ist zwar nur ein kleines bisschen, aber irgendwann ist es viel. Und dann verändert sich das Unterbewusstsein um so viel. Nur durch das Bemerken von ein bisschen, ein bisschen, ein bisschen, irgendwann. Es wird zu einer Menge.

Okay, ich danke dir. Also, vielen Dank euch allen, vielen Dank.

(Online Training vom 7. März 2021)