Etikette

— von Christopher Curtis Sensei (Übers.: Olaf T. Schubert) —

Guten Abend, allerseits. Und guten Morgen. Ich hoffe, es geht allen gut.

Ich werde euch Shokushu Nr. 17 vorlesen, „Reiseishin“.
„Wir menschliche Wesen haben einen Geist, der direkt mit dem Universum verbunden ist. Das ist Reiseishin.
Wasser, wenn es zur Ruhe kommt, kann den Mond klar reflektieren. Wenn unser Geist zur Ruhe kommt, offenbart sich Reiseishin klar und unmissverständlich. Sobald dieser Geist erscheint, verschwinden alle egoistischen Triebe und Wünsche, und der universelle Geist der Liebe und des Schutzes für alle Dinge scheint hervor.
Lasst uns unser Reseishin zum Strahlen bringen.“

Also, diese Zoom-Stunden laufen jetzt seit etwa einem Jahr. Es war ein Jahr, und wir haben eine Menge Themen behandelt. Im Moment benutzen wir die Sprüche von Tohei Sensei, aber es könnte tatsächlich auch was anderes sein. Weil alles auf dasselbe hinausläuft, nicht wahr?

Viele Leute denken, weil so viele Finger darauf zeigen, muss es viele, viele Monde geben. Aber, nein, es gibt nur einen Mond. Alle Finger zeigen auf einen Mond. Es gibt nur einen Gipfel auf dem Berg, auch wenn es unendlich viele Wege gibt, um zu diesem Gipfel aufzusteigen.

Einige von euch, und das seid ihr die hier sind, sind das ganze Jahr über bei dieser Zoom-Stunde dabei geblieben, Thema für Thema für Thema.

Und genau das ist die Natur unseres Trainings. Richtig? So fangen wir an, nicht nur alle Themen aus diesen Zoom-Stunden zu verstehen, sondern jedes der unendlichen Themen, das es im Universum gibt.

Jedes dieser Themen zeigt auf denselben Mond. Wenn wir erst einmal die Natur des Bemerkens verstehen, die Art des Lernens, dann beginnen wir zu sehen, wie jedes Thema zu demselben Gipfel führt.

Letztendlich geschieht hier nur eine Sache, wer auch immer ihr seid, wie auch immer ihr gemacht seid, was auch immer eure Kultur ist, wo auch immer auf der Welt ihr herkommt, es spielt keine Rolle. Grundsätzlich passiert nur eine Sache für jeden einzelnen Menschen im Universum. Und jedes Thema, das wir behandeln, weist auf diese eine Sache hin.

Natürlich gibt es einen Grund, warum so viele Finger darauf zeigen, und das ist, weil es fast unmöglich ist, zu verstehen, was diese Sache in der Erfahrung ist. Wir bekommen flüchtige Einblicke, aber tatsächlich in Vollzeit darin zu leben, kann schwierig sein.

Deshalb ist unser Thema heute Abend, wie ihr wisst, der Spruch von Koichi Tohei Sensei:

„Etikette ist der makellose Zustand eines offenen Geistes.“

Sayaka, würdest du das bitte auf Japanisch vorlesen? (Sayaka liest)

Sehr schön. Ich danke dir.

Also, die Grundregeln sind in jeder Kultur anders. Was in einem Dorf funktioniert, funktioniert nicht unbedingt in einem anderen. In Aikido-Dojos sind die Regeln der Etikette ziemlich konstant. Aber glaubt mir, ich habe auf der ganzen Welt unterrichtet, und sogar in Ki-Aikido-Dojos können sie ziemlich unterschiedlich sein. Aber ob unterschiedlich oder nicht, sie zielen alle darauf ab, zu lernen, einander zu respektieren und sich miteinander zu verbinden. Richtig?

Sogar O’Sensei pflegte zu sagen, dass Höflichkeit die Essenz unserer Praxis ist. Er sprach immer von Harmonie und Frieden und Liebe in euren Herzen. Wir sprechen nicht immer auf diese Weise über unser Aikido. Das mag sein, weil „Bei Gott, wir sind Kampfkünstler“. Heutzutage sprechen Aikido-Lehrer vielleicht mehr metaphorisch darüber, vielleicht dramatischer oder auf eine dynamischere Art. Aber letztendlich läuft alles darauf hinaus, dass wir uns im Grunde genommen gegenseitig lieben, uns auf einer sehr, sehr tiefen und persönlichen Ebene verbinden, intim persönlich, persönlicher als es eine Liebesbeziehung zwischen Menschen überhaupt sein könnte. Das ist viel intensiver, worüber wir hier sprechen.

Lasst mich euch etwas Interessantes vorlesen. Wenn ihr das Wort „Etikette“ im Wörterbuch nachschlagt, steht dort unter anderem dies:

„Etikette sind die Bräuche oder Regeln, die als korrektes oder akzeptables Verhalten im gesellschaftlichen Leben gelten.“

Nun das ist wahr, aber wie weit ist das von Tohei Sensei’s Definition entfernt?! „Etikette ist der makellose Zustand eines offenen Geistes.“

Darüber werden wir heute Abend sprechen.

Lasst uns ein bisschen Ki-Atmung machen.

(10 Minuten Ki-Atmung)

Natürlich, wenn wir zum ersten Mal in einem Dojo auftauchen, besonders wenn wir aus dem Westen kommen und keine Ahnung von Kampfkünsten oder gar der asiatischen Kultur haben, wissen wir nicht, was wir tun sollen. Ich erinnere mich, dass ich nicht wusste, wo oder wann ich mich verbeugen sollte, oder wen ich „Sensei“ nennen sollte und wen nicht.

Ich kannte keine der Regeln, die ich befolgen sollte, um sogar das Dojo selbst zu respektieren. Denn natürlich ist diese Verbindung, von der ich spreche, nicht nur mit Menschen. Nein, sie ist nicht nur zwischen Menschen. Sie ist auch mit Orten und Dingen. Bevor man ein Bokken in die Hand nimmt, muss man bereits eine Verbindung hergestellt haben. Woher weisst du, wie man das macht? Nun, zunächst einmal sagt man dir, dass du nicht einfach beiläufig ein Bokken in die Hand nehmen sollst. Schicke zuerst deinen Geist zum Bokken, dann gehe hin und hebe es auf. Es darf keine Lücke zwischen deinem Geist und der Aktion geben.

Das ist die Regel. Das ist die Form. Das ist kaisho. Alles in unserer Praxis hat diese drei Stufen der Praxis, kaisho, gyosho und sosho, in sich.

Und in der Tat hat das wahrscheinlich auch alles in unserer eigenen beruflichen Arbeit. Wenn du es wirklich betrachtest, egal was es ist, es entwickelt sich auf die gleiche Weise weiter.

Und es ist immer interessant das zu betrachten, was wir tun, wie wir mit dem Auto fahren, wie wir Unkraut im Garten zupfen, wie wir die Zwiebeln schneiden. Womit auch immer wir unsere Zeit verbringen, wir wollen uns dieser drei Stufen der Praxis bewusst sein. Es ist alles das Gleiche.

Kaisho bedeutet, die Form zu ehren, in manchen Fällen sogar sie zu verehren, ihr sehr, sehr sorgfältig zu folgen, so dass wir lernen können sie auszuführen, oder den Regeln zu folgen, bis die Form sozusagen zur zweiten Natur wird, so dass wir nicht mehr darüber nachdenken müssen. Dann beginnen wir, uns über dieses Selbstbewusstsein, diese Selbstbeobachtung hinaus zu bewegen.

In welcher Aktivität wir auch immer tätig sind, in diesem Fall, indem wir die Regeln der Etikette befolgen, dann können wir sagen, dass wir ins gyosho eintreten, wenn es plötzlich eine Erfahrung gibt, die eine Bedeutung für uns hat. Mit anderen Worten, wenn wir beginnen, ein wenig Freude zu haben, ein wenig Spaß an dem, was wir tun. Aber wir lassen uns weiterhin leiten, weil wir unsere Abhängigkeit von der Form noch nicht ganz losgelassen haben. Aber wir fangen an, es zu genießen.

Und dann schließlich werden die Regeln natürlich nicht nur zur zweiten Natur, sondern wir brauchen die Regeln überhaupt nicht mehr, wir können sie wegwerfen. Natürlich werden sie nicht irgendwohin verschwinden, oder? Aber wir können unsere Abhängigkeit von ihnen auflösen. Ihr könnt das Maui-Trainingshandbuch von mir nehmen und es verbrennen. Aber erst, wenn ihr das Wesentliche beherrscht, bitte. Dann braucht ihr das Buch nicht mehr, ihr braucht die Regeln nicht mehr.

Es wird ein organischer Teil von dir, du lebst jetzt eins mit allem. So respektierst du automatisch, du hörst automatisch jeder einzelnen Person zu.

Du bist automatisch verbunden. Und wie gesagt, das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Gegenstände. Wenn du etwas in die Hand nimmst, erlebst du es als Teil von dir.

Und das ist in etwa wie unsere „Vier Regeln des Übens“, die ich euch immer wieder gebe.

  1. Erscheine.
  2. Öffne dein Herz und deinen Verstand für alles, was gerade passiert, makellos. „Makellos“ bedeutet natürlich fehlerlos, oder perfekt, oder vollständig verbunden, mit deinem ganzen Geist und Körper.
  3. Folge dem Geschehen. Das erfordert also Zuhören, Hinschauen, Beobachten. Sehr, sehr aufmerksames Bemerken, mit einer großen Menge an Aufmerksamkeit. Suzuki Sensei pflegte uns zu sagen: „Ihr müsst zuhören wie ein großes Ohr!“ Wenn ihr mir beim Reden zuhört, sage ich euch eigentlich immer wieder und wieder das Gleiche. Es ist sehr einfach zu denken: „Oh, das weiß ich schon. Das habe ich schon 100 Mal gehört.“ Stimmt. Aber nein, du musst aufmerksamer zuhören, tiefer schauen, vollständiger wahrnehmen.
  4. Akzeptiere, was immer es ist, was das Universum uns in jedem Moment bringt. „Akzeptieren“ bedeutet, es zu respektieren. Sich damit zu verbinden bedeutet, dass unsere Etikette makellos ist in Bezug auf was auch immer es ist, das uns gebracht wird. Was auch immer es ist, das in deinem Leben geschieht. Das ist es. Du musst nicht unbedingt ins Dojo gehen. Besser gesagt, bitte komm weiterhin ins Dojo, aber beschränke das Training nicht darauf.

Ihr versteht worum es geht. Es ist nichts, was uns fremd ist. Es ist unsere ureigene Natur, auf die die Etikette hinweist. Jeder möchte lieben und geliebt werden. Jeder möchte mit jedem und allem auf jede Weise verbunden sein. Das ist unser tiefster Traum. Das ist unser größter Wunsch. Die große Hoffnung in unserem Leben ist es, die wahren Auswirkungen hiervon zu verstehen und zu erfahren.

Und nun, John, er ist heute Abend wieder euer Moderator. Ich danke dir, John. 

(15 Minuten Diskussionsgruppen)

Okay, lasst uns beginnen.

Schüler: Wir haben uns alle irgendwie ausgetauscht, was wir über dieses Thema denken. Jemand sagte, wenn wir zum Beispiel ein anderes Land besuchen oder an einer anderen Kultur teilnehmen, ist es wichtig, sich an die Etikette dieser Kultur anzupassen, anstatt die Art und Weise aufzuzwingen, wie wir Dinge gelernt haben. Und das erfordert viel Aufmerksamkeit und viel Verbindung, um herauszufinden, was andere Leute um einen herum tun und sich ebenso zu verhalten.

Roy erwähnte, dass er bemerkt hat, dass man bei Kindern im Dojo erkennen kann, ob sie aufmerksam sind, daran wie sie ihre Latschen abstellen. Und wenn sie sich nicht an die Etikette mit den Latschen halten, dann spiegelt das irgendwie wider, dass sie nicht aufpassen, Punkt.

Ich habe immer noch das Gefühl, dass ich die Regeln befolge, aber auf eine sehr Keiko-Art. Es ist, als ob ich die Regeln um ihrer selbst willen befolge. Aber du sprachst davon, dass es irgendwann einen Übergang geben muss vom Befolgen der Regeln um ihrer selbst willen zum Leben der Etikette aus einem tieferen Sinn heraus, aus einem tieferen Ort.

Also, ja, ich schätze meine Frage ist, gibt es einen Punkt, an dem es vom kaisho des Befolgens der Regeln zu einem Leben aus einem Ort tieferer Schulung oder Dankbarkeit übergeht?

Nun, was denkst du? Ja? Was wäre das denn? Wie würde diese Erfahrung aussehen? Denn ich glaube, ich kenne dich gut genug, um zu wissen, dass du diese Erfahrung tatsächlich schon gehabt hast. Und weisst du, dass du diese Erfahrung gemacht hast? Vielleicht bist du dir dessen nicht ganz bewusst.

Okay, also es sieht so aus. Wir gewöhnen uns daran, auf eine bestimmte Art und Weise zu trainieren, und bewegen uns tatsächlich von dieser Art und Weise weg und fangen an, eine viel tiefere und umfassendere Beziehung mit dem Lehrer und den anderen Schülern einzugehen, bevor wir überhaupt merken, dass das stattfindet. Und so besteht ein großer Teil des Übergangs von kaisho zu gyosho darin, zu erkennen, dass man es bereits tut, dass man merkt, dass man bereits frei von der Form wird. Es gibt bei dieser Art von Dingen keine harten Kanten, keine Grenzen. Ob es sich um eine Technik handelt oder um Etikette oder um etwas anderes, das dir wichtig ist und das du übst, es ist ein Prozess.

Wir klammern uns an die Form, weil wir uns nicht zutrauen, es einfach zu tun. Und dieser Übergang kann manchmal sehr steinig sein. Und es braucht einige Zeit.

Aber ich stelle immer wieder fest, dass es bei den Schülern eigentlich schon im Gange ist, aber sie sind sich dessen noch nicht immer bewusst. Oft gibt es zum Beispiel Aspekte, von denen ihnen nicht bewusst ist, dass sie sie mir gegenüber eigentlich schon ausdrücken. So wie du es gerade getan hast.

Okay, sosho ist dann eine ganz andere Sache. Es braucht viel mehr Zeit. Und vielleicht wird sosho für viele Menschen nicht in diesem Leben stattfinden. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht. Ich meine, das ist keine Wertung. Denn es gehört so viel Mut dazu, all das loszulassen und darauf zu vertrauen, dass das, was auch immer passiert, in Ordnung, angemessen und zeitgemäß ist.

Okay, ich denke, das ist genug.

Schüler: Vielen Dank, Sensei. Ich danke dir vielmals.

Schüler: Unsere Diskussion war wie immer sehr gut. Wir waren irgendwie versucht, nur darüber zu sprechen, was diese Aussage wirklich bedeutet. Was versucht Tohei Sensei hier zu sagen? Was bedeutet Etikette? Und was bedeutet ein offener Geist? Also, darauf haben wir nur ein wenig Zeit verwendet.

Jack dachte anfangs, dass ein offener Geist ein geordneter Geist ist, weil die Etikette eine Ordnung hat. Besonders die kaisho-Stufe hat eine Liste von Regeln für die Ordnung, richtig?

Und er erwähnte, dass es auf Hawaii eine Menge einfach natürlicher Etikette gibt. Er sagte, dass es eine kulturelle Sache ist, dass die Leute sie haben, weil sie damit aufgezogen wurden, sie müssen nicht darüber nachdenken.

Sally erzählte von einem Erlebnis, als in Neuseeland eine Gruppe von Leuten in ein heißes Badebecken kam, in dem sie saß, und im Grunde das ganze Ding übernahm, sie zur Seite schob und einfach hineinsprang. Sie sagte, es war schockierend für sie. Nicht, dass sie es kritisch gesehen hätte. In gewisser Weise war es nur die Auswirkung, die es auf ihren Raum hatte. Und das fand ich wirklich interessant, denn das ist so oft der Fall, wenn wir eine Begegnung erleben, bei der es keine Verbindung gibt. Vielleicht denken die Leute nur an sich selbst?

Und dann gab es eine Beobachtung von jemandem, der dachte, dass Etikette im Grunde nur keiko ist, dass Etikette nur eine Liste von Regeln ist, die man befolgen muss. Und er war sehr interessiert und fasziniert und neugierig auf die tatsächliche Definition, die in dieser Aussage von Tohei Sensei enthalten ist.

Meine Frage wäre also, ob du vielleicht mehr über die Definition von Etikette sagen könntest. Ich weiß, du hast uns gesagt, dass es Verbindung ist, aber vielleicht könntest du das noch ein bisschen mehr erweitern?

Zunächst möchte ich erwähnen, dass wir nicht vergessen sollten, dass das, was wir in unserer Kultur als völlig unverbunden und unangemessen betrachten, das in einer anderen Kultur vielleicht nicht bedeutet. Warst du zum Beispiel schon einmal in einem Flugzeug mit einer Gruppe von Chinesen? Sie haben eine ganz andere Art, auf engem Raum zu interagieren, als wir es hier tun. Ich habe oft gehört, dass Westler daran Anstoß nehmen. Aber das liegt an unserer Unwissenheit über ihre Kultur. Die Briten stehen zum Beispiel sehr darauf, in einer Schlange zu stehen und zu warten, bis man an der Reihe ist. Das ist für sie eine gute Etikette. Aber in China ist das nicht angemessen. Das würde man in ihrer Kultur für verrückt halten. Sie machen das einfach in einer Gruppe, alle auf einmal.

Also stell dir vor, nimm zum Beispiel Sallys Badebecken-Erlebnis. Vielleicht war es genau so, wie du gesagt hast. Aber es könnte auch ein Haufen Freigeister gewesen sein, die eine andere Vorstellung von solchen Dingen haben. Ich glaube, es gibt immer noch eine Menge Hippies in Neuseeland, man kann also nie wissen.

Ich möchte das nur erwähnen, weil wir offen bleiben wollen, wenn es um Etikette geht. Da es so regelbasiert und formorientiert ist, können wir sehr voreingenommen werden.

Lasst mich euch hier ein paar Dinge vorlesen. Es gibt drei verschiedene Übersetzungen. Das sind keine Definitionen. Das sind Übersetzungen. Es ist also sehr interessant.

1) Etikette bedeutet, in einem Zustand zu sein, in dem es keine Lücke zwischen Körper und Geist gibt.

2) Etikette bedeutet, in einem Zustand der körperlichen und geistigen Gesundheit zu sein.

Ihr könnt die Ähnlichkeit zwischen diesen beiden sehen.

Hier ist nun die dritte. Und diese habe ich von jemandem im Hauptquartier bekommen, als ich an dieser Übersetzung gearbeitet habe:

3) Etikette ist es, in einem Zustand der Einheit von Geist und Körper zu sein.

Also das ist eine sehr vernünftige Übersetzung. „Etikette bedeutet, im Zustand der Geist-Körper-Vereinigung zu sein.“

Aber meiner Ansicht nach, und auch der Ansicht von Shinichi Sensei nach, sagt das nicht genug aus. Wir hätten es beide vorgezogen, wenn es etwas über einen offenen Geist erwähnt hätte.

Ich denke, das liegt daran, dass wir so daran gewöhnt sind, „Geist-Körper-Vereinigung“ zu hören, dass wir automatisch denken, wir wüssten, was das bedeutet. Das übliche Problem bei jeder Art von Training ist, dass wir es immer und immer wieder hören, bis wir denken, wir wüssten, was es bedeutet.

Vielleicht hilft es also wirklich, das auf eine andere Art und Weise zu sagen, dem eine Art neue Wendung zu geben. Oder es suggeriert vielleicht sogar eine tiefere Bedeutung, eine andere Art von Sichtweise darauf.

Wenn wir uns im Dojo gegenüberstehen und du meine Handgelenke hältst, ist es mein Ziel, mich vorwärts zu bewegen. Aber wenn ich versuche, dich zu bewegen, um vorwärts zu kommen, entsteht eine Lücke zwischen uns. Es gibt eine Lücke zwischen meinem Geisteszustand und meinem physischen Körper, und diese Lücke ist ein Raum zwischen dir und mir. Wenn ich denke, dass ich von dir getrennt bin, dann denke ich, dass ich etwas tun muss, um dich zu beeinflussen, um diese Lücke zu schließen. Das wäre eine völlig falsche Art, diese Übung so zu sehen.

Sobald ich sehe, dass wir offensichtlich verbunden sind, dass du mich mit Geist und Körper hältst, dann wirst du, wann immer und wo immer ich mich bewege, auch folgen. Ich muss dich nicht bewegen. Ich bewege mich einfach, und wir bewegen uns gemeinsam. Und das tue ich, indem ich sehr genau auf deine Intention höre und mich mit ihr verbinde. Wir sind verbunden und haben die Erfahrung, dass es keine Lücke, keinen Raum zwischen uns gibt.

Okay, danke.

Schüler: Einer sprach über die natürliche Freundlichkeit, die manche Menschen haben. Manche haben diese Verbundenheit und Fürsorge für andere und treten nicht jedem auf die Füße, irgendwie natürlich. Und das sind vielleicht Beispiele von Menschen, die diesen offenen Geist haben und die Etikette befolgen, die aber nie im Ki-Aikido trainiert haben.

Für uns sind es also unsere Regeln der Etikette, die dazu führen. Die meisten von uns brauchen diese Art von Regeln, um uns zu dieser Art von Verbindung und offenem Geist zu bringen.

Und dann war da noch Kayomi, die sagte, dass ihr, als sie die japanischen Kanji für diesen Spruch las, der Ausdruck „keine Lücke“ auffiel. Und so sagte sie: „Okay, das bedeutet ‚keine Öffnung‘.“ Aber dann sagt die Übersetzung, einen „offenen Geist“ zu haben. Das schien ihr also ein Widerspruch zu sein.

Ich denke, jeder hat ein Grundverständnis davon. Aber vielleicht könntest du die Sache mit der Öffnung im Gegensatz zu einem offenen Geist noch ein wenig näher erläutern. Und diese „Keine-Lücke“ Sache.

Dieselbe Schülerin hat diese Frage in der Vergangenheit schon einmal gestellt. Sie sagte, sie fühle sich sehr, sehr nervös bei der Vorstellung, offen zu sein, wenn jemand sie angreift, emotional oder sogar verbal, sie hat das Gefühl, dass ein Gift in sie eindringt und sie sich defensiv fühlt. Das ist also im Grunde die gleiche Frage. Warum lehren wir, dass wir offen sein müssen, um keine Öffnung zu haben?!

Und diese Frage ist bei Menschen auf der ganzen Welt sehr verbreitet. Das Missverständnis ist, dass man, wenn man offen ist, automatisch angreifbar ist.

Die Lehre hingegen ist, dass der Weg, unangreifbar zu sein, darin besteht, vollkommen offen zu sein. Deshalb ist der makellose Zustand des offenen Geistes wirklich die Geist-Körper-Vereinigung ohne Lücke.

Es ist vielleicht leichter zu verstehen, wenn du an jemanden denkst, der dir nahe steht, jemand, der genau weiß, wie er deine Knöpfe drücken muss, damit du Widerstand leistest oder reagierst. Und diese Knöpfe, wenn du sie hast, sind Öffnungen. Und du identifizierst sie als einen Verteidigungsmechanismus, den du anbringen musst, um dich zu schützen. Dabei ist alles, was du tust, einen Knopf anzubieten, den die andere Person drücken kann!

Wenn wir uns unsicher fühlen, haben wir das Bedürfnis, eine Verteidigung zu errichten, um uns zu schützen. „Darüber will ich nicht reden.“ „Erwähne das nicht.“ „Ich will nicht darüber reden.“ „Warum bringst du das immer wieder zur Sprache?“

Kurz gesagt, wenn ich mich schützen will, mache ich dich zu meinem Feind. Wenn ich mich dir gegenüber öffne, mache ich dich zu meinem Freund. Was davon wollen wir?

Natürlich mag das für das menschliche Ego, das nur auf sein eigenes Vergnügen bedacht ist und sich vor jeder Art von Schmerz schützen will, überhaupt keinen Sinn ergeben. Okay, ja, das ist normal, aber das ist keine Freiheit. Das ist Knechtschaft. Und wir sind auf der Suche nach wahrer Freiheit. Freiheit bedeutet, sich völlig zu öffnen, bereit zu sein, das Risiko einzugehen, völlig verletzlich und offen zu sein, und dazu zu stehen und mutig und präsent zu sein.

Also ja, es braucht Mut, das zu tun. Aber es ist die einzige Möglichkeit zu leben.

Für mich gibt es keinen anderen Weg. Ich meine, ich bin nicht perfekt, bei weitem nicht. Ich bemerke Bereiche in meinem Leben, in denen ich Schutzmechanismen habe, die auftauchen könnten. Und ich weiß auch aus Erfahrung, dass es ein großes Problem ist, wenn es passiert.

Ich muss sagen, dass es eine Freude war, dieses Jahr so viel mit meiner Frau zusammen gewesen zu sein. Denn wir hatten beide Zeit, uns intensiv damit auseinanderzusetzen und wirklich zu erkennen, wie wichtig es ist, sich einfach offen aufeinander einzulassen, ohne Annahmen zu treffen. Dazu gehören natürlich zwei, um Tango zu tanzen. Und es kann schwer sein, das zu tun. Aber das ist es, woran man arbeitet. Das ist der Segen einer Situation wie dieser, in der wir die ganze Zeit zusammen und uns nahe sind.

Okay, das ist genug davon. Das ist das Prinzip des Nicht-Streitens. Und wir werden es noch eine Million Mal behandeln.

Student: Die Frage ist … nun, du hast das in deinem Anfangsvortrag erwähnt. Du sagtest etwas in der Art, dass dies persönlicher sei als sogar unsere Liebesbeziehungen. Könntest du das näher erläutern?

Nun, was ich damit meinte, ist, dass in Liebesbeziehungen Projektionen im Spiel sind. Das ist der Grund, warum wir manche Menschen mögen, und andere nicht. Wenn wir uns das erste Mal treffen, fühlen wir uns zu manchen Menschen hingezogen und zu anderen nicht unbedingt.

Und das kann sich ändern, wenn wir sie besser kennenlernen, ja? Menschen, von denen man denkt, dass sie wirklich cool sind, können sich als Vollidioten herausstellen, und Menschen, von denen man denkt, dass sie nicht cool sind, können tatsächlich zu guten Freunden werden.

In einer Liebesbeziehung, ja in allen normalen Beziehungen, gibt es Erwartungen auf beiden Seiten. Und wenn du diese Erwartungen erfüllst, darfst du diese Beziehung behalten. Wenn du sie nicht erfüllt hast, kannst du diese Beziehung verlieren.

Aber diese Lehrer-Schüler- oder sogar Schüler-Schüler-Beziehung, zum Beispiel auf der Matte, ist intimer als eine normale Beziehung. Denn ob Erfolg oder Misserfolg, du kannst nicht einfach weggehen. Ich sitze immer noch hier und schaue dich an. Du sitzt immer noch hier. Schauen noch einmal hin, und bemerke, dass wir nicht an dieselben Regeln gebunden sind. Wir sind frei. Das ist der Grund, warum der Wert der Lehrer-Schüler-Beziehung darin besteht, dass wir frei sind, viel tiefer zu forschen.

Das heißt aber nicht, dass es keine Erwartungen gibt. Und manchmal, wenn wir uns an unsere Projektionen klammern, kann das eine Scheidung zwischen einem Schüler und einem Lehrer bedeuten, oder sogar zwischen Schülern. Das kommt vor. Aber die Gelegenheit ist immer da, die Aufruf ist immer präsent, persönliche Erwartungen oder Anforderungen beiseite zu legen.

Natürlich, Reife, Übung, Beständigkeit, Vertrauen. Diese Dinge sind wichtig. Und wenn wir diesen Weg gehen, haben wir die Möglichkeit, gemeinsam tiefer zu gehen. Jeden Tag.

Schüler: Ja, ich danke dir.

Schüler: Alexej sagte, dass er bemerkt hat, dass er im Laufe der Jahre besser geworden ist und gelernt hat, höflicher zu den Menschen in seinem Leben zu sein. Und John erwähnte, was du darüber gesagt hast, dass die Etikette in den verschiedenen Kulturen unterschiedlich ist. Und in seiner eigenen Familie würde eine Geste eine Sache bedeuten, während in einer anderen Kultur und Sprache die gleiche Geste etwas anderes bedeuten würde.

Was mir einfiel, war, dass ich mich frage, was die Beziehung oder der Unterschied zwischen Etikette und Selbstdisziplin ist. Ich glaube nicht, dass ich jemals in meinem Leben ein Problem mit Disziplin hatte. Aber ich hatte ein Problem mit der Etikette. Etikette fühlte sich immer wie etwas Auferlegtes an. Und weisst du, ich habe mich ein bisschen dagegen gewehrt, die Etikette zu befolgen, nicht unbedingt im Dojo, denn im Dojo hatte ich das Gefühl, dass ich dafür da war. Ich meine, im Dojo war es klar, warum wir das tun.

Aber wie auch immer, im Laufe der Jahre habe ich bemerkt, dass die Kluft zwischen Etikette und Disziplin kleiner geworden ist, weisst du, es ist in gewisser Weise mehr das Gleiche geworden.

Gloria hat tatsächlich gesagt, dass für sie Etikette eine Form von Disziplin wäre.

Nun gut, zunächst einmal ist das Phänomen der Disziplin, dass sie etwas ist, das wir tun müssen, um uns auf ein bestimmtes Niveau zu bringen, bis wir lernen, es zu lieben. Sobald wir es lieben, brauchen wir keine Disziplin mehr.

Du hast kein Problem. Du bist sehr diszipliniert in deiner künstlerischen Arbeit, weil du liebst, was du tust. Es ist also keine Disziplin. Es ist einfach Liebe. Okay?

Das Gleiche gilt für mich, im Aikido. Ich brauche keine Disziplin. Ich muss mir nicht sagen: „Du stehst besser auf und machst deine Meditation.“ Nein, nein, nein, das brauche ich nicht mehr.

Okay, es sind also die gleichen Regeln für alle. Aber die Disziplin hält nur so lange an, wie wir nicht gelernt haben, uns mit Menschen zu verbinden. Wenn wir wirklich lernen, Menschen zu lieben und mit ihnen verbunden zu sein, dann brauchen wir keine Etikette.

Irgendwann ist das nur noch eine dumme alte Idee. Aber diese Etikette, diese Selbstdisziplin, das ist sehr wichtig für neue Schüler. Selbst bei vielen unserer fortgeschrittenen Schüler und Lehrer ist es sehr wichtig, besonders wenn Sie Kinder unterrichten. Nun, sie brauchen Disziplin, natürlich. Auch wenn sie ins Dojo kommen, müssen sie Disziplin lernen, sie müssen Etikette als Form lernen.

Priya hat mich über Liebesbeziehungen befragt. Nun, wenn es wirklich eine echte Liebesbeziehung ist, okay, dann ist es dasselbe wie Training. Man kann in sehr tiefe Bereiche gehen. Aber wenn man Grenzen hat, dann ist das eine Einschränkung, eine Forderung. Auf diese Weise kann man tatsächlich nirgendwo hin gehen.

Nun, lass uns das mal kurz betrachten. Ich habe Grenzen, die ich einhalten muss. Aber es sind keine defensiven Grenzen. Es sind Grenzen des Respekts, des Respekts vor dir. Zum Beispiel spreche ich bei unseren privaten Treffen bestimmte Dinge, du weisst schon, bestimmte Dinge, nicht an bis ich dazu eingeladen werde. Aber das habe ich gelernt, und wahrscheinlich hat mir das niemand offenkundig beigebracht. Aber es erst dann zur Geltung, wenn man es liebt, mit Menschen zusammen zu sein. Wenn man es liebt, mit Menschen zusammen zu sein, dann weiß man fast immer, was angemessen ist.

Einige von uns haben erwähnt, dass wir lernen müssen, die Kultur anderer Leute zu respektieren. Das ist sicher, das müssen wir. Aber für jemanden, der wirklich verbunden ist, spielt das keine Rolle. Es spielt keine Rolle. Du wirst immer angemessen sein. Mit wem auch immer du zusammen bist.

Ich danke euch vielmals. Das hat heute Abend Spaß gemacht. Domo arigato gozaimasu. Bye bye.

(Online Training vom 12. März 2021)